Echte Erfolgsstorys - trotz kultureller Unterschiede

Bericht aus dem Badischen Tagblatt (03.11.2017)

Rastatt - Mohammad ist Steinmetz, er hat jahrzehntelang in diesem Beruf gearbeitet. Seit zwei Jahren lebt der Syrer in Deutschland. Als anerkannter Flüchtling dürfte er theoretisch hier arbeiten. Die Suche nach einer Arbeitsstelle gestaltet sich aber schwierig. Zum Glück gibt es das gemeinsame Team "Flucht und Asyl", bestehend aus Mitarbeitern des Jobcenters im Landkreis Rastatt und der Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt. Hier kümmern sich rund zehn Mitarbeiter darum, Kontakte zwischen Flüchtlingen und Arbeitgebern in der Region herzustellen. Kontakte, von denen beide Seiten profitieren können.

 

"Haben Sie Zeit für mich, können Sie mir helfen?" - Sätze, die Friedrich Karl und seine sieben Vermittlungsfachkräfte oft hören. Sie sind nicht nur dazu da, für ihre Kunden Jobs zu suchen, sondern auch Kummerkasten, Motivatoren und Wegweiser durch den Behördendschungel. Um all diesen Aufgaben gerecht zu werden, braucht es viel Fingerspitzengefühl.

"Unsere Mitarbeiter werden regelmäßig geschult - etwa in interkultureller Kompetenz", sagt Friedrich Karl, der Leiter des Anfang 2016 ins Leben gerufenen Teams, der selbst eine neunmonatige Zusatzausbildung als "Interkultureller Botschafter" absolviert hat. Fast alle Kunden, die das Team betreut, sind erst seit zwei Jahren oder kürzer in Deutschland. Allen ist gemeinsam, dass sie als Flüchtling oder Asylbewerber anerkannt wurden. Sie beziehen Leistungen vom Jobcenter und werden genauso behandelt wie alle anderen Kunden, die hier betreut werden: "Es gelten die gleichen Regeln. Wer etwa zwei Beratungstermine versäumt, dem werden wie jedem anderen Kunden die Leistungen gekürzt", falls keine wichtigen Gründe für das Nichterscheinen vorliegen, erläutert Jürgen Deck, einer der beiden Betriebs-Akquisiteure im Team.

Decks Job ist es, mit den Firmen in der Region in Kontakt zu stehen. Ein Malerbetrieb sucht händeringend Mitarbeiter und ist auch bereit, es mit einem Flüchtling zu probieren. Deck vermittelt einen passenden Arbeitsuchenden auf die Stelle. Unterstützt wird er dabei vom gemeinsamen Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur und des Jobcenters. Und nicht nur das: "Unsere Mitarbeiter fahren mit den Betreffenden auch oft zu den Betrieben hin, stellen die beiden Parteien einander vor", so der Teamleiter. Viele der Geflüchteten haben keine Papiere, die belegen, dass sie in dem Beruf, den sie jahrzehntelang ausgeübt haben, überhaupt eine Ausbildung absolviert haben. "In solchen Fällen einigt man sich meist erst einmal auf ein Praktikum, das bis zu sechs Wochen dauern kann."

Karl und Deck berichten von echten Erfolgsstorys: von einer Autowerkstatt im Landkreis etwa, die es mit einem syrischen Mechaniker probierte. Dieser erwies sich als echter Glücksfall und konnte quasi vom ersten Tag an richtig mitarbeiten. Nur mit den elektronischen Auslesegeräten kannte er sich nicht aus. "Da haben wir dann eine Weiterqualifikation veranlasst. Heute ist er fest angestellt."

Voraussetzung für die Vermittlung in den Arbeitsmarkt sei, dass die Bewerber gut Deutsch sprechen - B1- oder B2-Sprachkursniveau sollten vorhanden sein. "Das Erlernen der deutschen Sprache ist unerlässlich für die Integration." Spricht der Klient gut deutsch, werden seine Fähigkeiten und Qualifikationen geprüft. "Eine Helferstelle findet sich meist recht schnell. Wir versuchen aber, unsere Klienten so zu vermitteln, dass der neue Job auch ihren Qualifikationen und Neigungen entspricht und somit eine nachhaltige Integration ermöglicht wird."

Viele Firmen in der Region suchen händeringend nach Mitarbeitern. Dass sie dabei auch in den Reihen der Flüchtlinge auf qualifizierte Arbeitskräfte stoßen können, sei noch nicht so im Bewusstsein verankert. Karl und seine Mitarbeiter arbeiten daran, dies zu ändern: Der Teamleiter rät Firmen, gleich bei der Meldung freier Stellen anzugeben, ob man sich auch vorstellen könnte, einen Flüchtling einzustellen.

Aber nicht nur mit den Betrieben stehe man in Kontakt: Man sei auch mit den Behörden und Institutionen in der Region vernetzt, die Flüchtlinge betreuen: zum Beispiel mit dem Landratsamt Rastatt, den Kommunen, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, mit Schulen und den Trägern der Sprachkurse. "Und die Ehrenamtlichen, die einen Flüchtling betreuen, können sich natürlich auch gerne bei uns melden oder zu den Beratungsterminen mitkommen", so der Teamleiter. Um Sprachbarrieren abzubauen, gibt es in seinem Team eine Fachkraft, die Arabisch spricht: Die meisten der Kunden sind ursprünglich aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan.

Dass die Mühe sich lohnt, zeigt die diesjährige Statistik: Bis August hatten Friedrich Karl und seine Mitarbeiter bereits 108 Flüchtlinge in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse vermittelt - das für dieses Jahr gesteckte Ziel, 141 erfolgreiche Vermittlungen zu erreichen, wird also vermutlich mehr als erfüllt.

Ab Ende Oktober soll das Team "Flucht und Asyl" seine eigene Homepage bekommen. "Das wird den Kontakt weiter erleichtern", hofft Friedrich Karl. Die Wartebereiche in den Fluren seiner Abteilung sind nämlich Tag für Tag voll: Viele derer, die hier sitzen, hoffen, bald Arbeit zu finden, um in ihrer neuen Heimat "richtig" anzukommen. So wie Mohammad, der demnächst sein Praktikum als Steinmetz beginnt.

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